Da rappt sogar der alte König
Sonntag, den 18. Dezember 2011 um 10:05 Uhr

Bild: Helmut Voith
Das „Aschenputtel“, das am Freitag, 2. Dezember, 18 Uhr, am Gleis 1 Premiere feiert, ist ein Muss für Jung und Alt. So köstlich flott und frech war noch kaum eine der Aufführungen der Jugendgruppe der Laienspielgruppe Meckenbeuren, man möchte sie am liebsten ein zweites Mal anschauen.
Von Helmut Voith
Was ist der Täuberich Bruno (Janine Ruoff), den Aschenputtels Vater mitsamt seiner munteren Begleiterin Brunhilde (Lina Marschall) zum Aufpäppeln mitbringt, aber auch frech und fürwitzig! Mit seinen coolen Sprüchen bringt er bei der Generalprobe mitunter nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Mitspieler zum Lachen. Dieser aufgeweckte Bruno denkt ganz in unserer Gegenwart, auch wenn um ihn herum adlige Damen, ein alter König (Ann-Kathrin Kolb), ein fescher Prinz (Philipp Schimmels), ein geplagter Minister (Jakob Schimmels) putzmunter agieren. Doch wenn Bruno Menschen gegenüber noch so misstrauisch ist – das liebenswerte gertenschlanke Aschenputtel (Pia Kreuzer) gefällt ihm, dem verhilft er gerne zu seinem Glück. Schon vom ersten Moment an ist klar, dass diese Marie oder keine den Prinzen bekommen muss: so lieb, so geduldig, das gibt einmal eine gütige Königin.
Mit dem „Aschenputtel“ hat die Meckenbeurer Jugendgruppe ihre bisher flotteste Inszenierung hingelegt. Tempo, Witz und ansteckende Spielfreude, dazu passende Bühnenbilder (Gerhard Schmid und Team), hübsche Masken und Kostüme - nicht nur für die schrille Stiefmutter (Lena Leiprecht) und ihre putzsüchtigen Töchter (Ronja Eckardt und Julia Marschall), sondern ebenso für Maries Pferd und die Eule, die das Märchen erzählen, oder die beiden Täubchen – einfach alles stimmt.
Die Hauptregisseurin Kathrin Rueß bekam babybedingt tatkräftige Unterstützung von Kai Weber, Vanessa Köhler und Sandra Marschall. Ein Team, das bestens zusammengewirkt hat, dazu hat Anja Leiprecht einen Tanz einstudiert, der es in sich hat. Sobald die Musik am Hof rappig wird, erwacht sogar der alte König auf dem Thron aus dem Schlaf und zappelt munter mit Armen und Beinen. Dabei muss er sich in Acht nehmen, dass nicht eine von Aschenputtels Schwestern ihm zu nahe rückt, denn die will um jeden Preis einen Mann, und weil der König gar nicht zieht, schmeißt sie sich gekonnt an den als Mädchen für alles eingesetzten Minister. Ob sie ihr Ziel erreicht, bleibt offen, wenn der Vorhang fällt.
Die Spielfassung lehnt sich eng an das Grimmsche Märchen, für die vielen Spielwilligen wurden extra noch ein paar Erweiterungen eingefügt, dafür wird auf die ursprüngliche Grausamkeit verzichtet: Die beiden Tauben hacken den bösen Schwestern nicht die Augen aus und keiner vermisst die ungerecht harte Bestrafung. Dafür darf man den Ball beim König genießen und am Ende das Taschentuch zücken, wenn der Prinz endlich die Richtige gefunden hat. Da er zum Probieren des goldenen Schuhs ohnedies schon kniet, kann er formvollendet seinen Heiratsantrag machen.
Erschienen in der Schwäbischen Zeitung
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